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Buchempfehlung: Reisebericht eines T-Shirts


Das T-Shirt ist böse. Nur seinetwegen stößt eine feist subventionierte Baumwollwirtschaft in Amerika sich gesund; nähen arme chinesische Näherinnen sich die Hände blutig; geht schließlich die Bekleidungsindustrie in Afrika ein, auf welche das Hemd im Verbund gigantischer Altkleiderballen massiv plumpst. Unterm Strich bleiben: Armut, Unfreiheit, schlechte Luft; ein fetter Mann Amerika.

Eine Wahrheit ist immer das, woran fest von jemandem geglaubt wird, und so fand sich Pietra Rivoli, Wirtschaftsprofessorin in Washington, eines Tages rabiat vor unangenehme Wahrheiten gestellt: "1999 in Georgetown schaute ich zu, wie eine junge Frau das Mikrofon ergriff. ,Wer hat dein T-Shirt gemacht?' fragte sie ihr Publikum. ,War es ein vietnamesisches Kind, das ohne Essen oder Trinken an eine Nähmaschine gekettet war? Oder ein junges Mädchen in Indien, das 18 Cent pro Stunde verdient und nur zweimal am Tag zur Toilette gehen darf? Weißt du, daß sie mit elf anderen in einem Zimmer leben muß? Daß sie ihr Bett teilt und nichts als Haferbrei zu essen bekommt? . . . Daß sie nicht nur in Armut, sondern auch in Schmutz und Krankheit leben muß - und alles nur, damit Nike noch mehr Gewinn macht?'" Pietra Rivoli antwortet in ihrem Buch "Reisebericht eines T-Shirts": "Ich wußte das alles nicht. Ich schaute die junge Frau am Mikrofon an und fragte mich, woher sie das alles bloß wußte?"

Die Professorin ging los, kaufte sich ein Grabbel-T-Shirt und begann, dessen Werdegang zu recherchieren: in Lubbock/Texas, dem Königreich der Baumwolle, in Schanghai, in Daressalam. Daß sie damit die Refugien einer Universitätsprofessorin hinter sich ließ, um sich mit den Niederungen der Realität zu befassen, machte ihr spürbar Spaß. Daß ihr Buch dennoch über weite Strecken eine Abhandlung über die Geschichte der Baumwolle in Amerika ist - was tut's. Lesbar ist sie und lebendig geschrieben, Pietra Rivoli erfrischt mit einem kugeligen Fortschrittsoptimismus.

Sie leugnet nicht die harten Arbeitsbedingungen, die in einer chinesischen Textilfabrik herrschen. Sie mißt sie aber auch nicht an den Arbeitsbedingungen, die der durchschnittliche, westliche Globalisierungsgegner genießt, sondern an den Alternativen, die das chinesische Mädchen vom Lande sonst hätte: Unfreiheit, Plackerei und Perspektivlosigkeit auf dem Lande. Pietra Rivoli glaubt an eine übergeordnete Vernunft, die dem elenden Treiben des Menschen innewohnt, seitdem er die Industrialisierung in die Welt gesetzt hat. Von den Baumwollfeldern der Südstaaten über die Schreckenswebereien des neunzehnten Jahrhunderts bis hin zu heutiger Billigarbeit in der Dritten Welt - überall sieht sie die Ausbeutung ergänzt um Kritiker und Reformer, sieht sie einen Prozeß, der letztlich brav auf eine Hebung der Lebensverhältnisse zuläuft.

Das Böse in der Welt wittert die Autorin eher in allem, was Reglementierung und Protektionismus heißt, und es spricht für sie und ihr Buch, daß sie das Böse weniger anprangert, als es genüßlich in all seiner Skurrilität zu präsentieren. Sie muß dafür gar nicht viel tun. Ein Blick in den amerikanisch-karibischen "Trade-Partnership Act" von 2002 genügt: Wer zoll- und gebührenfrei Bekleidung aus der Karibik in die Vereinigten Staaten einführen will, muß die "yarn forward"-Klausel achten, "welche verlangt, daß sowohl der Stoff als auch das Garn, aus dem die Kleidung hergestellt wurde, aus den Vereinigten Staaten stammen. Darüber hinaus müssen sowohl Färben und Appretur als auch der Zuschnitt des Stoffes ebenfalls in den Vereinigten Staaten stattfinden. Allerdings dürfen die Bekleidungsteile auch in der Karibik zugeschnitten werden, wenn man sie anschließend mit einem Faden zusammennäht, der in den Vereinigten Staaten hergestellt wurde. BHs haben ihr eigenes, erstaunlich kompliziertes Regelwerk, das ihnen nur dann freien Marktzutritt gewährt, wenn die herstellende Firma für bestimmte BH-Exporte des Vorjahres in die Vereinigten Staaten Komponenten verwendet hat, die zu wenigstens 75 Prozent des Wertes des verwendeten Stoffes aus den Vereinigten Staaten bezogen wurden. Eine Debatte darüber, welche Teile des BHs zu diesen 75 Prozent zählen, ging einige Zeit lang hin und her und wurde schließlich dahingehend entschieden, daß Cups, Seiten- und Rückenteile einzurechnen seien, Träger, Bügel und Etiketten jedoch nicht."

Hier sieht man denselben umsichtigen Wahnsinn am Werk, der um 1700 die englische Wolle vor der neuen und viel angenehmeren Baumwolle aus Indien schützen wollte: Erst wurden Juristen, Studenten und Professoren zum Tragen von Wollkleidung verdonnert. Dann wurden Leichname zum Tragen von Wollkleidung verdonnert. Dann berichteten Medienkampagnen von Menschen, deren Baumwollkleidung Feuer fing. Und als das alles nicht half, wurde die Benutzung von Baumwollstoffen schließlich im Königreich England verboten.

Ganz so leicht kann man es sich heute nicht machen. Platte Verbote ersetzt die urdemokratische Errungenschaft der Bürokratie - zum Schutz des heimischen Arbeitsmarktes. "Die Wahrheit ist, daß die Einfuhrbeschränkungen zwar tatsächlich Tausende von Jobs erhalten haben, dieser Effekt sich jedoch fast ausschließlich in Washington manifestiert hat, unter den Armeen von Lobbyisten und Bürokraten, die das System am Laufen halten." Die Jobs in Stoff- und Textilherstellung verschwinden trotzdem weiter munter - und zwar in den Vereinigten Staaten ebenso wie in China und sonst überall in der Welt, wo Industriejobs früher oder später durch Maschinen in den Orkus der Erinnerung befördert werden.

KLAUS UNGERER, Frankfurter Allgemeine

Pietra Rivoli: "Reisebericht eines T-Shirts". Ein Alltagsprodukt erklärt die Weltwirtschaft. Aus dem Englischen von Christoph Bausum. Econ Verlag, München 2006. 335 S., br., 16,- [Euro].

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Reisebericht eines T-Shirts